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Glücklich selbständig

Berlin hat die meisten Selbstständigen bundesweit, auch dank Uni-Gründungszentren und privater Business-Angels.

 

Angefangen hat alles mit einer fixen Idee während des Studiums: Warum nicht Lehramtsstudenten schon während des Studiums an die Schulen schicken? Die angehenden Lehrerinnen und Lehrer könnten hier praktische Erfahrung sammeln, und das Lehrpersonal, in Berlin ohnehin schwer überarbeitet, würde sich sicherlich über die tatkräftige Unterstützung freuen. Gesagt, getan. Mit ihrer Idee rannte Jasmin Bildik offene Türen ein. Schulen engagierten Lehramtsstudenten gegen Honorar – diese gaben Kurse wie „Präsentationstraining“, „Wissenschaftliches Arbeiten“ oder „Medieneinsatz in Referaten“.

Für Jasmin Bildik und einige Kommilitonen war das Projekt, welches schon bald den Titel „Studenten machen Schule“ bekam, eine Möglichkeit, das eigene Studium zu finanzieren. Doch nach und nach stieg das Interesse an der Lehramtsstudentenvermittlung. „Wir bekamen immer mehr An- fragen, offenbar hatten wir einen Nerv getroffen“, erinnert sich die heute 31-Jährige. „Gleichzeitig kamen wir in Kontakt zum Berliner Senat, der uns einige Türen öffnete und finanzielle Fördermöglichkeiten aufzeigte.“ Ob sie selbst nach dem Studium ein Lehramts-Referendariat beginnen soll, diese Frage stellte sich irgendwann nicht mehr. Bildik und ihre Mitstreiter machten sich mit dem projekt „Studenten machen Schule“ selbstständig.

Berlin, so hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DiW) errechnet, liegt mit einer Selbstständigenrate von 16 Prozent auf platz 1 in Deutschland. Darunter sind viele Akademiker, die während des Studiums eine Idee entwickeln und diese später beruflich umsetzen wollen, oder auch Hochschulabsolventen, die einfach ihr eigener Chef sein wollen, etwa weil sie sich nicht fremden Strukturen unterordnen möchten. Als erste Anlaufstelle für Selbstständigkeitsmodelle steht an allen großen Berliner Universitäten ein Gründungszentrum zur Verfügung, das Studierenden mit Bera-tungsgesprächen zur Seite steht.

Erste Anlaufstelle für Jasmin Bildik war profund, der Gründungsservice der Freien Universität Berlin. „Eigentlich haben wir einen eher techno- logischen Schwerpunkt“, erklärt Steffen Terberl vom profund-team. Unter den zuletzt geförderten Projekten war beispielsweise ein System zur Plat-zierung von kontextbezogenen Werbeanzeigen direkt in digitalen Clips, ein Verfahren zur Modell- Bearbeitung für 3D-Drucker oder der Online-

Versandhandel mit Fruchtsaftpulver zur individuellen Eigenherstellung von Säften. „Solche Projekte haben auch gute Chancen, bei uns ein EXIST-Gründerstipendium zu ergattern“, so Terberl.

Andere Gründer, wie auch Bildik und ihre Kollegen, werden von profund immerhin kompetent beraten. „Wer in die Selbstständigkeit will, egal ob als Einzelperson oder in Form einer Firmengrün-dung, der braucht in irgendeiner Form ein Geschäftsmodell und einen Business-plan. Wir helfen dabei, einzuschätzen, ob die Idee Potenzial hat.“ Je nach Branche können schon mal mehrere Jahre Zeit vergehen und viele tausend Euro an Anfangsinvestition notwendig sein, bis man merkt, ob das Businessmodell belastbar ist. „Denken Sie zum Beispiel an die medizinische Forschung“, so Terberl. „Es braucht aufwendige Entwicklungsarbeit, bis so ein Medikament das Teststadium erreicht hat. Und dann weiß ich noch nicht einmal, ob es wirklich funktioniert.“

Gerade bei technischen Produkten, aber auch im Bereich der Internet-Start-ups ist Risikokapital daher ein beliebtes Mittel, schnell an Geld zu kommen. Es gibt eine Reihe bekannter Business- Angels, also Investoren, die sich darauf spezialisiert haben, in vielversprechende Ideen zu investieren – und das Risiko eines Scheiterns des Modelles dabei mitzutragen. im Falle von „Studenten machen Schule“ war das gar nicht notwendig. „Profund hat uns am Anfang kostenfreie Büroräume auf dem Campus zur Verfügung gestellt, was toll war“, sagt Bildik. „Dank einer Förderung vom Berliner Senat konnten wir dann auch schnell loslegen.

Heute ist Bildik eine von drei Chefinnen von SWiM Bildung, einer Unternehmergesellschaft, die sie als Dach von „Studenten machen Schule“ gegründet hat. Zur Lehramtsstudentenvermittlung sind weitere Dienstleistungen hinzugekommen, beispielsweise Nachhilfe für benachteiligte Jugendliche. SWiM beschäftigt über 30 Personen und unterhält Zweigstellen in Hamburg und München. Wie man Chefin wird, hat Bildik nach und nach gelernt. „Mit der Zeit ist die Verantwortung gewachsen“,sagt die Gründerin rückblickend. „Natürlich habe ich mir einige Kompetenzen angelesen oder Workshops besucht. Für anderes Fachwissen, wie Buchhaltung oder Jura, haben wir uns im Laufe der Zeit Experten dazugeholt.“ An der Selbstständigkeit gefalle ihr, dass die Lernkurven sehr steil sind und dass man was Eigenes aufbaut. Und damit, rät Bildik, sollte man auch nicht zu lange warten: „Direkt nach dem Studium in die Selbstständigkeit zu gehen, ist sicher der beste Weg. Wer zu lange wartet, traut sich am Ende gar nicht mehr.“

Michael Metzger